… es ist dringend!

Christian Geyer. Niklas Luhmann. Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten.

Kulturverlag Kadmos. 2013. 160 S.

Viel zu häu­fig hören wir Plattitüden zum Thema Zeit: „Die Zeit ist knapp“, „alles wird schnel­ler“, „die Möglichkeiten sind unend­lich“, „wir sind Opfer der Beschleunigung“ und Vieles mehr.  Welche Wohltat da wie­der auf Niklas Luhmann zurück­grei­fen zu kön­nen. Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten, in Aufsatz von Luhmann aus dem Jahre 1971 über Zeit als Medium der Bewältigung von Kontingenz, ergänzt von Christian Geyer über das ent­grenz­te Leben, dem Fluch der unend­li­chen Möglichkeiten. 

Und Vieles was er schreibt ist so wun­der­bar zeit­los; Zeitmangel als Statussymbol und Beweis der eige­nen Bedeutung ist ja auch heu­te noch sehr aktu­ell: „Wer zugibt, viel Zeit zu haben, dis­qua­li­fi­ziert sich selbst und schei­det aus der Gesellschaft derer, die etwas leis­ten, etwas for­dern, etwas erhal­ten kön­nen aus“. „Termine und Fristen“ schreibt Luhmann „sind insti­tu­tio­na­li­sier­te Ausreden […] Durch Berufung auf einen Termin kann man sich neu­en Engagements für den glei­chen Zeitraum ent­zie­hen.“ Was Fristen hat rea­li­siert sich, was kei­ne hat bleibt auf der Strecke. Noch bedenk­li­cher; was Termine hat und des­halb schein­bar erle­digt wer­den muss, gewinnt irgend­wann an Bedeutung und so erscheint uns Manches plötz­lich nicht mehr wich­tig, nur weil es nicht dring­lich ist.

So hat der Termindruck Einfluss auf den Wert. Luhmanns Überlegungen als Ausgangspunkt wäh­lend, streift Geyer anschlie­ßend mun­ter vie­le Themen und Probleme unse­rer Zeit. Handlungsentscheidung unter Unsicherheit, über­zo­ge­ne Erwartungen an das, was alles sein kann und dann am Ende zu Nichthandeln ver­führt. Über Entgrenzung und Entfremdung, die bei­spiels­wei­se zu sol­chen Phänomenen führt, dass sich mache Personalgesuche heu­te wie Stellenbeschreibungen für Boderline-Existenzen lesen und Vieles mehr. Immer rund um die Frage: was ist mög­lich, wenn alles mög­lich ist und wenn wir alles erwar­ten. Und ohne kul­tur­pes­si­mis­tisch erschei­nen zu wol­len, kommt einem dann das Setzen von Fristen und das Akzeptieren von „Begrenzen“ als ver­lo­cken­der Gedanke vor. Im Sinne Luhmanns und Geyers heißt das aber auch, nicht jede Frist und Begrenzung, son­dern Stellung zu neh­men zu den Befristungen und Möglichkeiten die wir haben. Es ist eben doch nichts alles mög­lich… aber wir ent­schei­den was mög­lich ist.

Marion Schenk
Organisationsberatung & Managementdiagnostik 2017

Sebastian Jasper